Robert Wisbrun, Enkel von Walter Wisbrun, und seine Frau zu Besuch in Remscheid
Am Samstag, dem 3. Oktober 2026, (dem Tag der Deutschen Einheit) durfte die Gedenk- und Bildungsstätte Pferdestall Remscheid e.V. einen besonderen Gast begrüßen: Robert Wisbrun, Enkel von Walter Wisbrun, besuchte uns gemeinsam mit seiner Frau.
Dieser Besuch war weit mehr als eine Begegnung mit Nachfahren einer Familie, deren Geschichte eng mit Remscheid verbunden ist. Er führte zurück zu den Anfängen eines der bedeutenden Remscheider Warenhäuser und zugleich zu einer Familiengeschichte, die exemplarisch zeigt, wie tief der Nationalsozialismus in das Leben jüdischer Familien eingriff, es zerstörte – und wie lange die Folgen über das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft hinauswirkten.
Die Anfänge in Remscheid in der Alleestraße 21
Die Geschichte beginnt eigentlich etwas weiter unterhalb auf der Alleestraße 9 – mit der Eröffnung des Geschäfts am Samstagabend, dem 30. April 1887. Sieben Jahre später, am 9. November 1894, unterzeichnete Moritz Wisbrun gemeinsam mit dem im ganzen Deutschen Reich angesehenen Architekten des Historismus, Sigmund Münchhausen aus Köln, das Baugesuch zur Errichtung des späteren Wohn- und Geschäftshauses Gebrüder Alsberg.

Das Unternehmen gehörte sehr bald zu den führenden Geschäften Remscheids. Moritz Wisbrun gründete es gemeinsam mit Sally Cohen. Nach dem Tod von Moritz Wisbrun wurde das erfolgreiche Unternehmen von Sally Cohen sowie den Brüdern Gustav und Walter Wisbrun als Gesellschaftern weitergeführt.
Während Sally Cohen und Gustav Wisbrun das Geschäft in Remscheid maßgeblich voranbrachten, schlug Walter Wisbrun einen anderen beruflichen Weg ein. Er wurde Arzt und blieb dem Unternehmen als stiller Teilhaber verbunden.
Die Familien waren ein bekannter und bedeutender Teil der Remscheider Gesellschaft, standen mitten im beruflichen und gesellschaftlichen Leben und hatten sich ihre Existenz und ihren Platz in der Stadt aufgebaut. Sie trugen mit ihren geschäftlichen Tätigkeiten zum wirtschaftlichen Wohlergehen der Stadt Remscheid maßgeblich bei.
Entrechtung, Verfolgung und Flucht

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich das Leben der Familien grundlegend. Die Männer und ihre Familien wurden entrechtet, ausgegrenzt, gedemütigt und verfolgt. Aus Nachbarn und angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft wurden Menschen, denen Schritt für Schritt ihre Rechte, ihre wirtschaftliche Existenz und schließlich ihre Heimat genommen wurden. Die Familiengeschichten verliefen dabei unterschiedlich – und doch waren sie alle von der nationalsozialistischen Verfolgung geprägt.
Sally Cohen wurde gemeinsam mit seiner Frau Beate Cohen geborene Wisbrun zunächst nach Theresienstadt deportiert. Dort starb er. Seine Frau Beate wurde später nach Auschwitz deportiert und wurde dort ermordet. Die Kinder Ernst und Hertha konnten noch rechtzeitig fliehen und sich mit ihren Ehepartnern in Sicherheit bringen.
Auch die Familie von Gustav Wisbrun erlebte eine dramatische Flucht- und Verfolgungsgeschichte. Wie so viele andere jüdische Familien mussten auch sie alles zurücklassen, was sie sich in ihrem bisherigen Leben aufgebaut hatten. Gustav Wisbrun war bereits vor seiner Flucht massiven Schikanen und Demütigungen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen. Die Verfolgung, die Haftzeit im Konzentrationslager Dachau und die damit verbundenen Erniedrigungen und Qualen hatten tiefe Spuren hinterlassen.
Sein Sohn Peter konnte rechtzeitig in die Schweiz gebracht werden und überlebte. Gustav Wisbrun, seine Frau Herta und ihre Tochter Suse gelangten schließlich ins palästinensische Mandatsgebiet. Doch auch dort sollte ihre Fluchtgeschichte noch nicht zu Ende sein.
Am 25. November 1940 befand sich die Familie im Hafen von Haifa auf der „Patria“, auf der zahlreiche jüdische Flüchtlinge festgehalten und an der Einreise gehindert wurden. Die britischen Mandatsbehörden wollten die Flüchtlinge nach Mauritius deportieren. Um dies zu verhindern, brachte die jüdische Untergrundorganisation Hagana eine Bombe an Bord des Schiffes an. Die Sprengladung sollte die „Patria“ eigentlich lediglich am Auslaufen hindern. Die Wirkung der Explosion wurde jedoch völlig unterschätzt: Das Schiff wurde schwer beschädigt, kenterte und sank innerhalb kürzester Zeit. Mehr als 250 Menschen verloren dabei ihr Leben.
Unter den Opfern war auch die 17 jährige Suse Wisbrun. Gustav und Herta konnten sich retten, doch der Verlust ihrer Tochter traf die Familie schwer. Die Strapazen der Verfolgung und Flucht sowie der Tod ihrer Tochter hinterließen tiefe Spuren. Gustav Wisbrun starb wenig später in Haifa an den Folgen der KZ-Haft, der erlittenen Strapazen und der schweren seelischen Belastung durch den Verlust seiner Tochter.
Herta Wisbrun überlebte ihren Mann um viele Jahre und konnte nach dem Krieg mit ihrem Sohn Peter in Israel leben. Auch diese Familiengeschichte macht deutlich, dass die Flucht aus Deutschland nicht automatisch das Ende der Verfolgung und des Leidens bedeutete. Die Menschen hatten ihre Heimat, ihren Besitz und ihre bisherige Lebenswelt verloren – und selbst dort, wo sie schließlich Zuflucht fanden, waren sie nicht immer vor neuen Gefahren geschützt.
Walter Wisbrun – ein Arzt mitten im Leben
Besonders wichtig erscheint es, Walter Wisbrun geboren am 29.04.1889 in Remscheid nicht ausschließlich als Verfolgten und späteren Flüchtling zu betrachten. Walter Wisbrun war nach Düsseldorf gegangen und hatte sich dort als Arzt, insbesondere auf dem Fachgebiet der Orthopädie, einen Namen gemacht. Er war beruflich sehr erfolgreich, gesellschaftlich integriert und pflegte Kontakte zu Künstlern und anderen Menschen aus seinem Umfeld. Er war – wie die Familienunterlagen zeigen – mitten im Leben.
Doch auch vor Walter Wisbrun und seiner Familie machte die nationalsozialistische Verfolgung nicht halt. Sein Haus wurde in der Pogromnacht teilweise zerstört. Für die Familie wurde spätestens jetzt deutlich, dass ein Verbleib in Deutschland kaum noch möglich war. 1939 floh die Familie zunächst nach Luxemburg.
Was von einem Leben übrig blieb
Mitgenommen werden durfte nur, was unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung überhaupt noch ausgeführt werden konnte. Gold und Silber mussten bereits kurze Zeit nach der Pogromnacht abgegeben werden. Für die Ausfuhr ihres Hausrats mussten die Wisbruns neben der sogenannten Reichsfluchtsteuer und den Judenabgaben weitere Zahlungen leisten. Der Hausrat wurde in sogenannte Liftvans – große Transportkisten für Umzugsgut – verpackt und nach Antwerpen zur Spedition Arthur Pierre verbracht.

Die von uns eingesehenen Akten geben darüber Auskunft, dass sich das Umzugsgut dort bis Juni 1942 befand. Dann wurde es durch die Feldkommandantur 520 beschlagnahmt. Damit verlor die Familie nicht nur ihr Zuhause. Sie verlor auch einen großen Teil dessen, was ihr bisheriges Leben ausgemacht hatte: persönliche Gegenstände, Möbel, Teppiche, Kunstwerke und Erinnerungsstücke.
In welchem Umfang diese Gegenstände die folgenden Jahre überhaupt überstanden haben und was mit ihnen anschließend geschah, lässt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht vollständig rekonstruieren. Doch gerade hier beginnt eine weitere Spur der Recherche.
Zwei Gemälde – eine Spur in den Archivalien
Walter Wisbrun musste bereits vor dem Krieg für seine Hausratversicherung eine detaillierte Aufstellung seines Besitzes erstellen. Darin finden sich unter anderem Angaben zu seinem Hausrat, zu Teppichen und zu Gemälden. Diese Aufstellung ist für die heutige Recherche von besonderer Bedeutung. In den ausgewerteten Akten fanden sich weitere Listen und Unterlagen, die den Weg des beschlagnahmten Umzugsgutes nachvollziehbar machen. Eine dieser Spuren führt über Neuwied, weiter nach Schloss Kogl und schließlich nach München.
Im Zuge der Recherchen fanden sich zwei in der Lost Art-Datenbank verzeichnete Gemälde. Die vorliegenden Unterlagen und historischen Hinweise liefern erste konkrete Anhaltspunkte, dass diese Werke ursprünglich aus dem Besitz von Dr. Walter Wisbrun stammen. Nun gilt es, für Robert Wisbrun und seine Frau, die vorliegenden Daten abzugleichen und die Provenienz der Werke mit den zuständigen Stellen zu klären.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen dürfen gespannt erwartet werden. Sollte sich der Zusammenhang bestätigen, wird ein Dialog mit der aufbewahrenden Institution angestrebt – verbunden mit dem Wunsch aller Beteiligten, die Geschichte dieser Werke vollends aufzuklären.
Rückkehr nach Deutschland – aber kein Zurück zum alten Leben
Walter Wisbrun überlebte die nationalsozialistische Verfolgung. Er konnte mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten ausreisen. Doch auch nach dem Ende des Nationalsozialismus war seine Geschichte nicht abgeschlossen. Er musste um Anerkennung seines Verlustes und Wiedergutmachung kämpfen. Nichts von dem, was ihm und seiner Familie genommen worden war, kehrte zurück. Hausrat, Schmuck, persönliche Gegenstände und sein früherer Besitz blieben verloren.
Walter Wisbrun kehrte dennoch nach Deutschland zurück, nach Düsseldorf, wo er 1962 starb. Er wurde auf dem Friedhof in Remscheid-Bliedinghausen beigesetzt. Sein Leben zeigt damit auch, dass das Ende des Nationalsozialismus für die Überlebenden nicht automatisch das Ende des Verlustes bedeutete.
Mehr als „Opfer“
Genau hier liegt für uns als Gedenkstätte eine besondere Verantwortung. Die Familien, mit deren Geschichte wir uns beschäftigen und in Erinnerung halten wollen, waren nicht nur die Menschen, die später zu Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.
Sie waren Unternehmer, Ärzte, Familienväter und Mütter. Sie waren Nachbarn, Freunde und Kollegen. Sie waren kulturell interessiert, gesellschaftlich engagiert und beruflich erfolgreich. Sie prägten das gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Leben der Stadt und deren Wohlstand. Sie hatten Häuser, Wohnungen, Bücher, Möbel, Kunst und persönliche Erinnerungsstücke. Sie hatten Hoffnungen, Pläne und ein ganz normales Leben.
Dieses Leben sichtbar zu machen, gehört für uns ebenso zur Erinnerungskultur wie die Dokumentation ihrer Verfolgung.
Deshalb ist es uns und auch den Nachfahren der Familien Wisbrun wichtig, bei der heutigen historischen Einordnung der Alleestraße 21 nicht erst mit der sogenannten „Arisierung“ des Kaufhauses durch Mertens und Sinn im Jahr 1938 zu beginnen. Die Geschichte dieser Menschen verbunden mit dem Ort beginnt viel früher.
Der Besuch und Austausch mit dem Enkel Robert Wisbrun und seiner Frau hat uns bestärkt, die Geschichte der Menschen hinter den Namen weiter sichtbar zu machen. Denn Erinnerung beginnt nicht erst mit der Verfolgung.

Sie beginnt mit dem Leben davor.

